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Die FRANKFURTER BUCHMESSE scheint für einen desillusionierten Autor wie mich der allerunwahrscheinlichste Ort zu sein, um über ein unentdecktes Genie zu stolpern. „Business as usual“ in Frankfurt lässt keine Zeit für kreative Typen, weder Künstler noch Schriftsteller. In den internationalen Hallen wetteifern Leviathane des Verlagswesen darum, Auslandsrechte für Summen mit unanständig vielen Nullen am Schluß zu kaufen und zu verkaufen.
Als ich mich in einer obskuren Ecke des Ausstellungszentrums umschaute, umgeben von Händlern für Postkarten und Kalendern, stieß ich auf den Stand eines Edeldruckers mit einem beeindruckenden Stapel von Künstlern, obwohl für die Erotic Print Society eigentlich nicht unbedingt passend. Wie auch immer, er zog aus einem geschlossenen Schrank ein ziemlich schmuddeliges Portfolio mit überwältigenden Bildern, die mir die Brille von der Nase fallen ließen. Das war mein Äquivalent zu Archimedes „Eureka“.
Stellen sie sich Dürer’s Zeichnungen vor, silberfarben mit Bleistift und Tinte, jetzt vergilbt und, trotz der Sorgfalt von Generationen von Sammlern, fleckig und beschädigt durch die Verheerungen der Zeit. Stellen Sie sich vor, das gesamte Werk von Dürer wäre zerstört, mit Ausnahme eines nicht katalogisierten Packen erotischer Zeichnungen. Aber was ich gefunden hatte, waren keine Zeichnungen von Dürer; sie sind von Klaus Böttger, einem Meister des zwanzigsten Jahrhunderts mit ähnlichen Instrumenten und Techniken, dessen früher Tod im Alter von 50 Jahren ihn vor kurzem einholte, bevor er die Aufmerkamkeit erhielt, die ihm zukommt. Für Eros & Thanatos wurden mehr als siebzig der besten dieser Zeichnungen und Lithographien ausgewählt.
Böttger teilt mit Dürer die Vision des menschlichen Schicksals als sowohl unausweichliche humane Katastrophe wie auch den ursprünglichen Zusammenhang zwischen Sterblichkeit und Sexualität. Für ihn geht so die Kunst über die judäisch-christlichen Grenzen hinaus und definiert den Sexus als als bestimmenden Teil des menschlichen Dramas. Die sexuelle Vereinigung ist in sich selbst ein Mikrokosmos des Zirkels von Leben und Tod. Hier gibt es Entsprechungen zu Nietzsche’s Geburt der Tragödie, wo überwältigende dionysische Kräfte die rationale, ästhetisch bestimmte apollonische Befindlichkeit bezwingen. Auf dem Höhepunkt unserer Lust sind wir auch unserer totalen Vernichtung am nächsten.
Aus diesen dunklen Blättern tauchen leuchtende Bilder auf von den umschlingenden Gliedern eines wohlgebauten weiblichen Körpers und eines gut ausgestatteten Mannes in der Agonie der ekstatischen Vereinigung. Diese so nahe Sicht, die oft einen Blick auf die Gesichter verhindert, nähert ihren Inhalt dem Männermagazin oder sogar der Pornographie an.
Doch die Herangehensweise könnte nicht unterschiedlicher sein. Zuerst und entscheidend, die Tonart widerspricht vollkommen der Pornographie. Wo „porn“ gynäkologisch, trivial und kommerziell ist, war Böttger ernsthaft und passioniert. Dieser Künstler hätte nicht weniger interessiert sein können an geschmacklosen sexuellen Exzessen für den Appetit des billigen Konsums.
Die Wahl seines Hauptsujets scheint bestimmt zu sein von der Überzeugung, das Sexualität der Teil des universellen Dramas ist, in dem Begierde das Vorspiel zum „kleinen Tod“ ist und der Eros als Lebenskraft unauflösbar mit Thanatos, dem Reich des Todes, verbunden ist. Das eine ergänzt das andere. Der Höhepunkt der Lust eines vollkommenen Liebespaars ist nur allzu dicht am Rande des Zerfalls – symbolisiert, zum Beispiel, durch verdorrte Äpfel oder zugeschlagene Mausefallen. Die Vollendung des Liebesakts ist eine Miniatur der Vernichtung, die der Tod selbst ist. Dies wird oft angedeutet in den Zeichnungen durch die Einfügung einer Mausefalle, eine Versuchung, die , während sie einen leckeren Bissen anbietet, den Tod herbeiführt.
Am Ende ist „la petite mort“ der Weg, auf dem sich das Leben selbst erneuert – auch physisch. In vielen dieser Zeichnungen verschlingen sich Gliedmaßen mit erstaunlicher Glaubhaftigkeit zu Schwindel erregenden Positionen. Und Böttger ist in diese Welt geschickt worden, um die endlosen erotischen Parallelen zwischen Sex und Tod zu zelebrieren. In diesen Bildern gibt es ein tief greifendes Verständnis der Tatsache, dass das Leben weder wohl geordnet noch rational ist. Es ist chaotisch, leidenschaftlich, unbegründbar und spontan. Dies wird besonders deutlich in der Einstellung des Künstlers zu seiner eigenen, unvergleichlichen Technik. Er ist vermutlich einer der besten Zeichner und Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts.
Obwohl er alles zeichnen konnte, was er wollte, wie er es wollte und mit großer Mühelosigkeit, schien Böttger das Bedürfnis zu haben, diese Leichtigkeit zu negieren. Auf vielen dieser Blätter hat er markiert und gerieben, geschnitten und gezogen, befleckt und gekratzt, als ob er versucht hätte, die Produkte seiner wundervollen Vorstellungskraft bedeutungslos zu machen. Er war beides – Ikonograph und Iconoclast; zur gleichen Zeit Beschwörer und Verleugner. Manchmal ging er sogar über die Grenzen der Kunst hinaus, um, wie Shiva, ein Gott der Zerstörung zu werden.
Jeder erotische Künstler( eigentlich jeder Künstler, den Drama und Gefühl interessieren) hat das Bedürfnis, glaubhafte Gesichtsausdrücke zu kreieren. Nur wenigen gelingt das, und in gewissem Sinn ist es das Portrait, auf das wir in Böttger’s Oeuvre achten sollten. Zwar sind einige der Zeichnungen ohne Kopf, und in anderen, wie in vielen der Bleistift- und Tinte-Zeichnungen, erscheinen die Köpfe in heftiger Bewegung. In manchen der Lithographien beziehen sich die Modelle, wie Eva, auf ihre Weiblichkeit und Leidenschaftlichkeit; in anderen versinken die Mädchen in einem wahnsinnigen Paroxysmus, der näher am Schmerz als an der Lust zu sein scheint. Nach meinem Urteil gelingt es diesen Werken wie nur wenigen anderen, den Gesichtsausdruck im Moment des extremsten Gefühls festzuhalten.
Wäre er ein Zeichner von, sagen wir, Stilleben oder marinen Sujets gewesen, wäre Klaus Böttger wahrscheinlich schon zu Lebzeiten berühmt geworden. Aber, da er ein Chronist der sexuellen Begierde war, wurde er ungerechtfertigter Weise ignoriert und negiert. Im Bereich der Erotik ist Böttger’s Werk das vollkommenste, was ich je gesehen habe.
Oliver Maitland Foreword to “Eros & Thanatos - Klaus Bttger” Published by The Erotic Print Society, London 1999
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