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VORBEMERKUNGEN ZU EINER EROTISCHEN KUNST
ZUM Beispiel Landschafts und Portraitmalerei, Stilleben und religiöse Darstellungen haben es nicht nötig, ihre Motive zu rechtfertigen oder zu verteidigen. Anders die so genannte erotische Kunst. Darf der menschliche Körper, insbesondere seine Genitalzone abgebildet, dürfen geschlechtliche Akte dargestellt werden? Gehört dieser Bereich nicht zur persönlichsten, intimen Sphäre des Menschen, die weder einem anonymen Betrachter noch überhaupt zur Schau gestellt werden soll? Diese Fragen werden gestellt, teils naiv, teils aggressiv. Sie müssen ernst genommen werden, auch wenn sie ohne direkte Antwort bleiben.
EINE Naturform des Menschen, quasi eine Wildform, einen homo ferus, hat es nie gegeben. Wo der Mensch in der Evolution auftritt, ist er immer schon mehr als reines Naturwesen, ist zugleich Kulturwesen. Kulturelle Ausgestaltungen variieren sein Erscheinungsbild und sein Verhalten quer durch die Zeiten und Räume. Ganz augenfällig vom Wandel betroffen sind die Einstellungen zur Sexualität. Eine Weltgeschichte der Sexualität zeigt die Vielfalt der Verhaltensmuster, zeigt die Moral und die Tabus, die am Werke sind. Nur, eine Zeit ganz ohne Muster, Moral und Tabus wird nirgends sichtbar. Das war der Irrtum des Postulats progressiver Sexualaufklärer der 60erjahre, sexuelle Handlungen seien so selbstverständlich und so natürlich wie das Trinken eines Glases Wasser. Abgesehen davon, dass auch die Formen des Trinkens kulturabhängig sind, gerade diese natürliche, nichtnormierte Sexualität gibt es nicht. Wer als Dichter oder Künstler in Sachen Sexualität die jeweils geltenden Normen verletzt, wer die Moral nicht einhält, wer Tabus bricht, dessen Werk wird als obszön oder pornographisch bezeichnet. Wer erotische Themen zum Sujet wählt, ist permanent in Gefahr, Grenzen zu überschreiten in Richtung Obszönität und Pornographie.
WAS meinen diese Begriffe Selbstverständlich hegen zahlreiche und ganz unterschiedliche Definitionen vor, je nachdem, wann und wo und von wem definiert wurde. Was vor etwas mehr als einem Jahrzehnt noch unterm Ladentisch oder als limitierter, kostspieliger Druck verkauft werden musste, ist heute im gutbürgerlichen Buchklub oder billigen Taschenbuch für jedermann zugänglich. Kunst, die in den Giftschränken der Galerien und Museen sekretiert war, hängt in Ladengeschäften öffentlich aus. Obszöne und pornographische Kunst sollen hier nicht festgestellt, schon gar nicht gegeneinander abgewogen werden; auch soll offen bleiben, ob obszönpomographische Kunst nicht ein Widerspruch in sich sei. Juristen sind hin und wieder gezwungen, Grenzen zu bestimmen: Obszönität und Pornographie reizten an und auf zu sexuellen Handlungen, seien Stimulantia, Aphrodisiaca. Wenn dies und nur dies aus dem Dargestellten resultiere, wenn nicht höhere Absichten, etwa künstlerische, ästhetische im Spiel seien, dann müsse die Toleranz versagt bleiben. Auch wenn ErotischSexuelles zu ausschließlich oder zu realistisch oder zu pointiert oder gar perverspathologisch zur Darstellung gelange, seien Grenzen der Moral überschritten. Aber ab wann und für wen sind sexuelle Stimulus gegeben? Wo setzt die höhere, sublimere, ästhetische Ebene ein? Was zählt zur Sexualpathologie und was nicht? Sind gynäkologischurologische Abbildungen der Genitalsphäre in medizinischen Fachbüchern schon im Felde des Obszönen, oder ist dieser Realismus jenseits von Gut und Böse? Welche spezifische Art von Realismus ist im Werke Klaus Böttgers präsent? Wie sieht seine erotische Bilderwelt aus?
ZUNÄCHST einmal: die Bilder entstammen nicht der Sphäre der Sexualpathologie; Bionegatives, Perverses findet nirgends statt. Dies lediglich als Vorausfeststellung, nicht als Denunziation von Kunst und Künstlern, die sich dieser Welt zuordnen lassen. Aus heutiger Sicht, ausgenommen prüderistische Einstellungen, werden "normale" sexuelle Handlungen dargestellt, fokussiert überwiegend auf den Genitalbereich, sehr realistischdetailgetreu, jedoch nicht in foto- oder hyperrealistischer Manier. Allenfalls kleine Partien sind fotografisch exakt gearbeitet, das Übrige zerfließt in vagen Schemen oder wird in skizzenhaften Andeutungen fortgeführt. Die anatomische Richtigkeit dürfte jeweils korrekt und präzise gegeben sein, auch wenn aus dem Gesamtbild mehr und anderes wird, als die Bildseite eines medizinischen Atlasses.
EINIGE Bilder führen zu der Frage nach einem phantastischen Realismus. Körperteile Sitzen nicht an der richtigen Stelle, Gliedmaßen führen Bewegungen an fiktiven Organen aus, bedürfen der inhaltlichen Identifizierung durch den Betrachter. Diese Darstellungsweise bleibt jedoch beschränkt auf die Anfangsphase Böttgers künstlerischen Schaffens. Mitte der 60erjahre lag allenthalben eine metaphysische, phantastische, magische, symbolische Art des Realismus in der Luft, besonders bei vielen der damals "jungen Künstlern", die sich später) jeweils in ganz andere Richtungen weiterentwickelt haben. Bei Klaus Böttger ist vielleicht noch ein wenig davon geblieben in der Wahl der Accessoires, die den Körperbildern hinzugegeben werden. Diese lnterpretation ist vermutlich aber schon zu konstruiert, denn wohl kann eine Mausefalle bevorzugtes Beiwerk der erotischen Motive als Symbol verstanden werden, bleibt aber doch in der Kombination mit genitalen, koitalen Szenen zu vordergründig, zu eindeutigtrivial, gibt zu wenig her für eine Malerei, die sich symbolisch verstehen wollte. Auch in die anderen Gegenstände, wie ausgedrückte Farbtuben, angeschnittene und eingetrocknete Äpfel, Teebeutel usw. sollte nicht zu viel im Zusammenhang mit dem sexuellen Bildinhalt hineingelegt werden. Es handelt sich eher um beliebige, Zufällig im Atelier präsente Objekte, die um ihres grafischen Reizes und um der Gesamtkomposition des Bildes wegen aufgegriffen werden. Eine ähnliche Funktion haben auch die Abdrücke von Stempeln und Tuschegläsern, das Einziehen von geometrischen Linien und Figuren, die Gestaltung der Signatur, der Bezifferung und Betitelung und schließlich das Einbringen von Schrift und Text überhaupt.
An dieser Stelle könnte es für einen Moment scheinen, als ob das Werk im Sinne eines kritischen Realismus zu verstehen sei. Da wird beispielsweise eine Passage aus einem Aufklärungsbuch über Koituspositionen aufgeschrieben: "She might he back with her head down over the edge of the bed and her legs spread wide over his knee and thighs. This will raise her and expose her chtoris more thoroughly to his manipulations. He can take his penis in hand and insert it easily into her and have a free hand to rub her chtoris . . ." Soll hier nicht die Reduktion des Erotischen zu bloßer Genitaltechnik demaskiert werden? Oder dort, wo aus einem einschlägigen Versandhauskatalog sexuelle Hilfsmittel in Bild, Text und Preis zitiert werden, wird da Sexualität nicht zur vermarkteten Ware reduziert? Klaus Böttger protestiert dagegen nicht, betreibt keine kritische Aufklärung; ein Engagement ist nicht zu spüren, allenfalls ein wenig Ironie. Aber das bleibt undeutlich, wie überhaupt alles Karikierende, Übertreibende oder
Lächerlichmachende als Mittel emanzipatorischer Absichten völlig fehlt. Zudem bleiben die Texte immer im Hintergrund; sie sind schwer zu entziffern, zum Teil fremdsprachig, zum Teil unleserlich und in den Lithographien naturgemäß seitenverkehrt. Kognitive Wirkungen sind nicht beabsichtigt auch dort nicht, wo Zitate aus der Weltliteratur, zum Beispiel Verse von Rimbaud oder Neruda ins Bild gelangen.
VOM Stilistischen wie vom Inhaltlichen her könnte vielleicht noch der Eindruck entstehen, als ob am Ende nur eine, wenn auch gekonnte, Salonmalerei übrigbleibe. Viele Gründe sprechen dagegen: die Eindeutigkeit, die Ausschließlichkeit, das Monomane der Thematik; das Skizzenhafte, Fragmentarische, Torsohafte der Figuren; die Wahl des Materials, zum Beispiel Packpapier, gebrauchte Briefumschläge, zerknitterte und gelochte Blätter; die Technik des Verfremdens mit Verwischungen, Verklecksungen, Durchstreichungen usw., dies alles zusammen lässt keine oberflächlich schöne, allgemein gefällige, sentimental lüsterne, erotisch affektvolle Malerei entstehen. Anderseits ist diese Bilderwelt, wie eben angedeutet, weder phantastischsymbolisch zu werten, noch kritischaufklärerisch zu deuten, noch als fotorealistische Abbildung menschlicher Sexualität zu sehen. Es handelt sich um eine Darstellung erotischsexueller Thematik, die nicht einer der gängigen Traditionen, Richtungen und Klischees zuzuordnen ist, vielmehr um ein Werk, das sein eigenes und eigenständiges Gepräge hat. Dieser Besonderheit und Einmaligkeit soll noch etwas nachgegangen werden. Der Schlüssel zu ihr wird in Erörterungen zum Erosbegriff und seines Umfeldes gesucht.
SIGMUND FREUD, häufig und fälschlicherweise als Pansexualist apostrophiert, hat im Spätwerk seiner Trieblehre dem Eros einen Gegenspieler, den Todestrieb hinzugefügt. Dieser Dualismus von Lebens und Todestrieb zeigt sich noch archaischer an den mythischen Gestalten der Antike, Eros und Thanatos. Eros, der wohl in den Künsten am häufigsten und schönsten dargestellte Gott, ist Sinnbild jener Urkraft, die alles Lebende zusammenhält, zueinander zieht und vereint; er repräsentiert die Macht, die Menschen individuell bindet in Sexus und Liebe, im Körper und im Geist, aber auch kollektive Menschheitserbe stiftet, lebensspendend und erhebend wirkt, allem Glück und Schönen zugetan. Thanatos dagegen bedeutet, seinem griechischen Wortsinn nach, Tod, Mord, Hinrichtung, Leichnam. Er symbolisiert die Kräfte der Zerstörung, des Hasses, der Auflösung, der Brutalität, des Krieges, sowohl im einzelnen Menschen wie im zwischenmenschlichen Bereich. Das Ziel des Eros ist glückhafte Bindung, das des Thanatos grausame Destruktion. Ein Dualismus unversöhnlicher Triebe, die das Schicksal des Einzelnen und der Menschheit gleichermaßen lenken. Um als Einzelmensch das Leben human zu leben, wie auch als Menschheitskollektiv insgesamt zu überleben, gilt es, sich des Thanatos zu erwehren, und dazu bedarf es eines Übergewichtes des Eros. Letztlich ist nur er allein in der Lage, die gefährlichen und zerstörerischen Kräfte seines Gegenspielers an sich zu ziehen, zu mildern, zu binden.
MAG das eben ausgeführte von der Bildwelt Klaus Böttgers weit weg scheinen, so sind doch Eros und Thanatos in seinem Werk von den ersten Anfängen an präsent. Einer der frühen Radierzyklen trägt bezeichnenderweise den Titel "sex and crime", quasi eine Übersetzung der antiken Wörter in eine Gegenwartssprache und welt. In dieser Schaffensperlode hat Böttger gelegentlich noch erotische und Gewaltszenen nebeneinander, additivcollagenhaft ins Bild gebracht. Daneben, und in zunehmendem Maße, werden die Motivkreise miteinander legiert, das heißt, Stigmen des Thanatos dringen in die erotischen Darstellungen ein. Die ursprünglich reizvollen, "schönen" Frauenkörper sind nun verwischt, verspritzt, durchkreuzt, gefleckt, bekritzelt, bleiben Fragmente, Torsi, die sich übergangslos im diffusen Bildgrund auflösen. Auch die zusätzlich in die Bilder aufgenommenen Gegenstände Mausefalle, angeschnittener Apfel usw. lassen sich zwanglos dem Reiche Thanatos zuordnen (Mausefalle als Tötungsapparatur; Apfelschnitze, die in Fäulnis übergehen; ausgedrückte Farbtuben, die weggeworfen werden). Ebenso die Wahl der Farbigkeit monochrome Tönungen mit Mollcharakter und der Papiere Packpapier, eingerissen, geknittert, bestempelt. Vordergründig mag dies alles als handwerkliches Können und Fingerspitzengefühl, technische Raffinessen, Wissen um grafische Effekte und ästhetische Wirkungen angesprochen werden, und dies hat gewiss seine Richtigkeit. Falsch wäre es jedoch, hinter dieser Gestaltungsweise intellektueles Kalkül zu vermuten, das durch die Art der Verfremdungen dem Vorwurf der Pornographie entkommen wollte. Auch wäre abwegig, die Überlegungen zu Eros und Thanatos sollten Klaus Böttger vom Erotomanen zum Thanatophilen umfärben. Er ist beides nicht, Eine umfassendere Ästhetik entsteht, noch in seinem Werk. Er ist kein Besessener, nicht im Sexuellen und nicht im Destruktiven. Er hat jedoch soviel Liebes und Leidensfähigkeit, soviel Leidenschaftlichkeit, die ihm Anlass werden, liebe und Tod als eine zusammengehörige, große sinngebende Macht menschlichen Lebens zu gestalten.
DEM Künstler sind meist die Deutungen seines Werkes zuwider, zumindest fremd. Vieles in seinem Schaffensprozeß vollzieht sich intentionslos und unbewußt. Auch als Betrachter von Kunstwerken braucht man keine Interpretationsvorgaben zu akzeptieren. Alles kommt darauf an, dass ein Organ für Kunst da ist, das anspricht. Wie die Resonanz auf Klaus Böttgers Bilder ausfällt, hängt ganz von der Person des Betrachters ab. Gerade bei diesen erotischen Blättern könnte mit Paulus argumentiert werden "Den Reinen ist alles rein", oder mit Nietzsche "Den Schweinen wird alles Schwein", oder, als weitere Möglichkeit, den Muckern wird alles obszön. Dies soll sachlich unentschieden und moralisch unbewertet bleiben. In der Situation unseres Hier und Heute jedenfalls ist es möglich, Böttgers erotische Zeichnungen frei und offen zu präsentieren. Dass dem so ist, mag man begrüßen oder beklagen.
GELEGENTLICH wurde geäußert, etwa nach den Ausstellungen der KronhausenSammlung "EroticArt" in Dänemark und Deutschland, die großen Freiheiten auch die künstlerischen in sexualibus wären nicht zuletzt für Kunst und Künstler abträglich. Sie bewirkten eine Minderung der schöpferischen Qualitäten, ließen das gestalterische Niveau absinken zu Einfallslosigkeiten, Harmlosigkeiten und Mittelmäßigkeiten. Betrachtet man zum Beispiel die Objekte der Darmstädter Dokumentation "liebe" von 1980, so scheinen solche Mutmaßungen eingetroffen zu sein, gewiss mit Ausnahmen und dazu gehört zweifellos Klaus Böttgers Werk.
IHM ist es gelungen, erotische Themen in einer Weise zu gestalten, die frei bleibt von oberflächlicher Pornographie; die Sexualität einbeziehen kann in die gesamtmenschliche Existenz, die einen ganz eigenständigen, unverwechselbaren Stil entwickelt, frei von modischen Tendenzen der Kunstszenerie. Wenn nach geistigkünstlerischen Verwandtschaften gesucht wird, muss weit in die Vergangenheit gegriffen werden, zu Leonardo, vor allem zu dessen anatomischen Zeichnungen. So wird in Klaus Böttgers Werk weit mehr geschaffen als eine bloße Sexualästhetik. Eine umfassendere Ästhetik entsteh die sinnlicherotische Realitäten wie auch geistige Wirklichkeiten mit einschließt, nicht gekünstelt und konstruiert, eher spielerisch und heiter, wobei heiter meint, den Ernst des Lebens", auch und gerade der vitae sexualis, zu transzendieren. Aber dies sind allgemeine Probleme einer jeden Kunst. Sie weiter zu verfolgen, soll hier nicht die Aufgabe sein.
EBENSOWENIG sollte eine Apologie Böttgers erotischer Bilderwelt entstehen, wiewohl eingangs gesagt wurde, erotische Kunst habe sich zu rechtfertigen. Vielmehr sollte sensibilisiert werden für die Phänomene Eros und Sexus, Kunst und Obszönität. Insbesondere sollte auf Fragen, die sich daraus ergeben, aufmerksam gemacht werden, Fragen, die letztlich ganz individuell beantwortet werden müssen. Klaus Böttgers Antworten hegen hier vor.
Dr. Walter Sauer Automatic Translation by Google (partly)
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